Etappenrennen üben auf Trailläuferinnen und Trailläufer eine besondere Anziehungskraft aus. Ihrer Leidenschaft an mehreren Tagen hintereinander nachzugehen, insgesamt richtig Strecke zu machen, physisch und psychisch an Grenzen zu gehen, in wechselnder Landschaft unterwegs zu sein, Etappen in unterschiedlichen Orten zu finishen und mit anderen Läuferinnen und Läufern Kontakte und Freundschaften zu knüpfen: Das alles und noch viel mehr macht den speziellen Reiz dieser Events aus.
Auch für mich war es seit Jahren ein sportlicher Traum, an einem Trail-Etappen-Lauf teilzunehmen. Leider sind diese trotz der immer zahlreicher werdenden Trail-Wettkämpfe rar gesät. Der bekannteste seiner Art, der Transalpine-Run, war mir bislang eine Nummer zu krass. Die erforderlichen Trainingsumfänge würden wahrscheinlich weder meine Knie noch meine Ehe verkraften.
Daher hat es mich gefreut, dass die "kleine Schwester" des TAR, die Salomon 4 Trails, nach einer dreijährigen Pause wieder ins Leben gerufen wurden und mir und über 500 Teilnehmern ermöglichten, unseren Traum vom Etappen-Trail-Rennen zu verwirklichen.
Das Konzept wurde gegenüber den Jahren 2010 bis 2015 modifiziert. Die Streckenlängen 2019 waren gegenüber den bisherigen Auflagen kürzer - zwischen 23 und 26 Km mit etwa 1.500 Hm pro Tag - und ermöglichten so auch Trailliebhabern unterhalb des Ultra-Levels eine Teilnahme.
Ein bisschen was tun im Vorfeld musste man aber schon, insgesamt 95 Kilometer mit knapp 6.000 Höhenmetern im Gebirge auf teils technisch anspruchsvollen Trails sind kein Kirmes-Lauf.
Meine Erwartungen wurden während des viertägigen Trail-Abenteuers zwischen dem Start in Seefeld und dem Ziel in Imst nicht enttäuscht. Im Gegenteil.
Wir liefen auf fordernden Pfaden in alpines Gelände im Karwendel und der Mieminger Kette, überquerten mehrmals die 2000-Meter-Marke und rannten auf traumhaften Trails und Forstwegen wieder ins Tal.
Schweißtreibende Aufstiege wie auf's Seefelder Joch (2.060 m), die Niedere Munde (2.059 m) oder das Stöttltörl (2.036 m) wurden mit spektakulären Aussichten belohnt.
Die Gebirgslandschaft wechselte ständig ihren Charakter: Wir liefen durch Lärchenwälder, über blühende Almenwiesen und karge Schotterfelder, vorbei an Kapellen und Hütten, querten Schneefelder und Bäche. Wir ließen uns von der Sonne braten und vom Regen bis auf die Haut durchnässen.
4 Trails ist, wenn Du den ersten 1000-Meter-Höhenmeter-Aufstieg vollgepumpt mit Wettkampfadrenalin hochstrahlst und Dich am höchsten Punkt fühlst wie Kilian Jornet.
4 Trails ist, wenn Du beim anschließenden technisch anspruchsvollen Downhill ganz schnell merkst, dass Du sowas von überhaupt gar nicht Kilian bist.
4 Trails ist, wenn Deine Sportuhr am Ende der ersten Etappe 120 Stunden Regenerationszeit empfiehlt und Du Dich fragst, wie zur Hölle das noch drei Etappen so weitergehen soll.
4 Trails ist, wenn Du Dich am zweiten Tag nach 10 Kilometern auf Forstwegen im Gaistal fragst, wann den nun eigentlich mal der Trail kommt.
4 Trails ist, wenn Du dann auf dem Trail beim "Schlange-Steigen" hinauf zur Niederen Munde zweifelst, ob Du auf so einer Massenveranstaltung mit über 500 Teilnehmern richtig bist.
4 Trails ist, wenn Du Dich nach 17 Kilometern im Regen frierend an der Food Station unterstellst und Körper und Seele mit der gefühlt besten heißen Kartoffelsuppe Deines Lebens wärmst.
4 Trails ist, wenn Du am Abend einen so gewaltigen Muskelkater hast, dass es Dir schwerfällt, die Leiter in den Alkoven Deines Wohnmobils hochzuklettern.
4 Trails ist, wenn Du todmüde bist, aber nicht schlafen kannst, weil die überwältigenden Bilder des Tages vor Deinem inneren Auge in einer Endlos-Trailrunning-Promo-Film-Schleife laufen.
4 Trails ist, wenn Du am Morgen des dritten Tages am Start stehst, "Highway To Hell" hörst und Dich fragst, woher Du die Kraft nehmen sollst, diese Etappe in Würde zu finishen.
4 Trails ist, wenn Du 3 Stunden, 23 Kilometer und 1.500 Höhenmeter später den finalen Downhill im Regen runterballerst als gäb's keine Schmerzen, kein Gestern und kein Morgen.
4 Trails ist, wenn Dich danach unter der heißen Dusche Wellen des Glücks durchlaufen.
4 Trails ist, wenn Du Dich am letzten Tag über Dich selbst wunderst, dass der Strom noch immer da ist, bergauf Gas zu geben.
4 Trails ist, wenn Dir bergab die Knie schmerzen und Du den Moment herbeisehnst, an dem Du endlich, endlich aufhören darfst, zu laufen.
4 Trails ist, wenn Dir beim Zieleinlauf ein paar Tränen die Wangen herunterrinnen.
4 Trails ist, wenn Du Dich als 283. der Gesamtwertung als Sieger fühlst.
4 Trails ist, wenn Du einen Tag später den Termin der 4 Trails 2020 im Familien-Kalender blocken willst.
Danke an Plan B für die Einladung und die glänzenden Organisation und die exquisite Verpflegung unterwegs und in den Zielorten! Danke an alle Mitläuferinnen und Mitläufer für die sportlich faire und freundschaftliche Atmosphäre!
Die drei bestplatzierten Herren der Gesamtwertung:
1. Matthias Bauer (GER, Salomon Running,8:48:17,0)
2. Simon Zahnd (SUI, swisstrailtour.com, 8:51:00,0)
3. Rene Mair (AUT, TrailMotion Tirol powered by IMST Tourismus, 8:59:51,0)
Die drei bestplatzierten Damen der Gesamtwertung:
1. Ida-Sophie Hegemann (GER, Salomon Trailrunning Team Deutschland, 10:25:07,0)
2. Sandra Schmid (GER, Orthomol Sport Team, 11:02:47,0)
3. Anita Eckerstorfer (AUT, Salomon Ambassador AUT, 11:20:04,0)
1 Kommentar
Kommentar schreibenSchöner Artikel, der's ganz gut trifft. Bisschen viel Forstweg für echte Trailjunkies und der Aufstieg durch's Skigebiet war jetzt nicht soo dolle. Aber ansonsten echt mega! Will 2020 auch wieder dabei sein.